Ich kann keinen Schritt mehr gehen.

Auf dem Weg die Treppe hinauf in meine Wohnung, hielt mich gestern ein junger Mann auf. Sagte er brauche Hilfe. Suche eine Toilette. Ich blickte mich um. Hier gab es keine Toiletten. Auf meine Frage, ob er denn groß oder klein müsse, schaute er mich verwundert und gleichzeitig betroffen an. Groß, er können keinen Schritt mehr gehen. Zwei Straßen weiter unten sind Geschäfte, vielleicht hätten die Toiletten, hier in der Nähe gibt es nichts, antworte ich ihm. Dann fiel mein Blick auf den Kindergarten. Unweit entfernt. Die müssen Toiletten haben. Er meinte er würde doch die ganzen Kinder erschrecken, wenn er da rein ginge. Ich meinte, da sind doch sicherlich Erzieherinnen, die wären nett und würden ihm sicher helfen. Er bedankte sich. Ging in Richtung des Kindergartens.
Während des ganzes Gespräches überlegte ich, ob ich ihn nicht einfach zu mir in die Wohnung bitten sollte. Ich hatte eine Toilette, die er hätte benutzen können. Aber diese Möglichkeit unterbreitete ich ihm nicht. Zog sie nicht einmal ansatzweise wirklich in Erwägung. Vielleicht war diese ganze Toilettengeschichte ja nur ein Vorwand um in fremde Wohnungen zu kommen. Und außerdem sah der junge Mann auch noch türkisch aus, oder so. Auf jeden Fall ausländisch. So hatte er keine Chance auf meine Toilette zu kommen. Niemals!
Und leider! Denn vielleicht war das einfach nur ein netter Typ in einer misslichen Lage. Und ich konnte ihm nicht helfen, weil ich es nicht wollte, weil ich es nicht konnte, weil ich es nicht wollte. Weil ich Vorurteile habe. Absolut. Vielen Dank liebe Gesellschaft, liebe Medien, liebe Nachrichten. Hoffe nur, dass ich nicht irgendwann mal in seiner Lage bin und dann auch alle denken, dass ich sie ausrauben will. In Wirklichkeit aber nur mal ganz dringend eine Toilette brauche.

Was hat das mit ausländischem Aussehen zu tun? Traut man denen weniger als Deutschen?
Wenn da wohnt, wo ich wohne, dann ja.